17. Dezember 2019 | Hintergrund

Onlinebewertungen: Segen oder Fluch?

Wir leben in einer Bewertungsgesellschaft. Was als Hilfe für Konsumenten angefangen hat, nimmt inzwischen geradezu bizarre Züge an. So absurd es scheint, inzwischen werden wir oftmals dazu aufgefordert, Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor oder sogar U-Bahnstationen zu bewerten. Die überbordende Bewertungskultur hat paradoxe Folgen: Obwohl kaum ein Kriterium für die Kaufentscheidung so viel Beachtung findet wie die Produktbewertung, insbesondere durch andere Verbraucher, vertrauen gerade einmal zwei Prozent der Onlineeinkäufer Onlinebewertungen voll und ganz, lediglich 22 Prozent vertrauen ihnen eher. Anders gesagt: drei Viertel der Verbraucher stehen Onlinebewertungen skeptisch gegenüber.

Zu Recht: Onlinebewertungen sind inzwischen zu einem eigenen Businesszweig geworden. Gibt man bei Google „Onlinebewertung“ ein, schlägt die Autovervollständigung als erstes „Onlinebewertung kaufen“ vor. Kein Wunder, hat die Bewertung eines Produkts doch entscheidenden Einfluss auf seine Platzierung auf der Website eines Händlerportals wie Amazon oder Ebay. Was im ersten Moment wie klarer Betrug klingt, ist rechtlich gesehen jedoch eine Grauzone. Rezensionen gegen Bezahlung gelten juristisch als Werbemaßnahme und sind somit legal – sofern sie als Werbung gekennzeichnet sind. Doch genau diese Kennzeichnung fehlt in vielen Fällen.

Wir haben deshalb für Sie Tipps zusammengetragen, worauf sie in puncto Onlinebewertungen achten sollten.

Die Tricks der Onlinehändler

Folgende Punkte können Ihnen dabei helfen, echte von gekauften oder Fake-Rezensionen zu unterscheiden:

  1. Affiliate-Links erkennen: Sind die eingebetteten Links, anhand derer Sie in den Shop des jeweiligen Händlers weitergeleitet werden ungewöhnlich lang oder enthalten sie viele offensichtlich sinnfreie Zahlen- und Buchstabenkombinationen? Dann handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Affiliate-Link.

  2. Textlänge: Das Internet ist nicht gerade für lange Texte bekannt. Ist eine Rezension also ungewöhnlich lang, will der Schreiber entweder seinem Ärger über das Produkt Luft machen – oder die Bewertung ist gekauft. Sind Vorteile, die Anwendungsweise oder Produktdetails minutiös ausgeführt, sollten Sie stutzig werden. Wer mit einem Produkt zufrieden ist, liefert meist nur eine knappe Begründung ohne tiefergehende Erläuterung.

  3. Die Cousine der Schwester meiner Freundin: Ausschweifende Anekdoten darüber, wie sehr sich die Liebste über das Produkt gefreut hat oder wie intuitiv der kleine Enkel das Spielzeug bedienen konnte, sollen Authentizität vortäuschen, sind aber tatsächlich ein Anzeichen für Fakebewertungen. Echte User beschränken sich meist auf ein paar nüchterne Fakten, als unnötig auszuholen.

  4. Ist die Bewertung online, bevor das Produkt überhaupt auf dem Markt ist? Bekommt ein Produkt bereits am Tag seiner Markteinführung verdächtig viele Rezensionen, sollten Sie aufmerken. Den Verkaufsstart mit gefälschten Bewertungen zu pushen, ist eine beliebte Praxis. Echte Kunden würden ein Produkt aber erst genauer testen, bevor sie es bewerten.

  5. Liest sich der Text wie eine Werbeanzeige? Klingt der Text wie eine Hochglanzbroschüre, wird es sich vermutlich nicht um eine echte Bewertung handeln. Auch die vollständige Nennung eines langen Produktnamens sollte stutzig machen. Wer einen Staubsauger bewertet, wird kaum den gesamten Namen inkl. Artikelnummer anführen.

  6. Ist der Bewertende vertrauenswürdig? Oft lohnt es sich, Bewertungen zu lesen, die ein Rezensent zu anderen Produkten abgegeben hat. Hat er bereits zehn Staubsauger bewertet, wird es sich wahrscheinlich um bezahlte Bewertungen handeln. Misstrauisch werden sollten Sie ebenfalls, wenn der Nutzer ausschließlich fünf Sterne-Bewertungen abgibt.

  7. Google fragen: Klingt eine Bewertung generisch oder kommen Ihnen die Formulierungen merkwürdig vor? Dann lohnt sich ein Abgleich über eine Suchmaschine. So können Sie herausfinden, ob die Bewertung schon einmal im gleichen Wortlaut auf einem anderen Händlerportal veröffentlicht wurde.

  8. Ein vollständiges Bild machen: Hersteller und Händler profitieren gleichermaßen von guten Produktbewertungen. Klar, dass die Lobhudeleien ganz oben angeführt werden. Lesen Sie also nicht nur die Top-Kommentare, sondern schauen Sie sich auch die schlechtesten und die durchschnittlichen Bewertungen an. Nur so erhalten Sie ein vollständiges Bild des Produkts. Auch ein Vergleich mit den Bewertungen auf anderen Portalen lohnt sich oft.